Sorge Dich nicht, lebe - beim Laufen
Meine Mutter schenkte mir als Jugendlicher das Buch „Sorge Dich nicht, lebe“. Ich verstand lange nicht, warum. Kurz vor ihrem Tod erklärte sie mir, dass ich mich bereits als kleiner Junge mehr um meine Mitmenschen und nicht um mich selber kümmerte. Sie meinte, ich solle weniger in der Vergangenheit rum wühlen, nicht immer über die Zukunft nachdenken, sondern mehr im Hier und Jetzt leben. Ich brauchte eine Weile um zu erkennen, dass jemand anderes den Rhythmus meines Lebens bestimmte.
Wie viele von uns wissen, dass das Gleiche jeden Tag in ihrem Leben passiert? Wie viele von uns erkennen und lassen es zu, dass jemand anderes von morgen früh bis spät am Abend den Rhythmus unseres Lebens bestimmt?
Je mehr andere Menschen uns deren Stempel aufdrücken und wir die Kontrolle über unsere eigenen 24 Stunden verlieren, umso grösser ist die Gefahr, dass wir krank werden.
Als Ehemann, Vater, Sohn, Bruder, Freund und Manager muss ich im Alltag oft den Takt von anderen übernehmen und nach deren Rhythmus leben. Das ist nicht nur schlecht. Oft ist ein fremder Rhythmus dienlich, lehrreich und befriedigend.
Je älter ich werde, umso mehr versuche ich meinem Leben den eigenen Stempel aufzudrücken. Mit der Uhr fängt alles an.
Dieser mechanische Zeitmesser kontrolliert unser Handeln, legt unseren Arbeitstag fest und sagt uns, wann wir essen und schlafen sollen. Auf der Uhr ist jede Stunde nur eine Stunde. Die Uhr macht keinen Unterschied zwischen Morgen, Vormittag, Nachmittag und Abend.
Für den Lebenskünstler ist das nicht so. Er weiß, dass die Zeit sich gefühlt verkürzt und verlängert, ohne Rücksicht auf den Minutenzeiger. Er weiß, dass dieser Rhythmus, dieses Tempo, etwas ist, das jedem Menschen eigen ist. Der Lebenskünstler gestaltet die Stunden und Tage und füllt sie mit seinem eigenen Leben. Dies hat uns bereits Gustav Grossmann beigebracht:
„Des Lebenskünstlers Devise: Ich werde dem heutigen Tag den schönsten Inhalt geben und den höchsten Wert!“.
Mit diesem Satz beginnt am Abend (meist um 20:30 Uhr) meine Tagesplanung.
Jeden Abend vor dem ins Bett gehen entscheide ich selber, wann der Wecker klingeln soll. Der Tag beginnt in meinem Rhythmus. Im Vergleich zu den meisten Menschen klingelt mein Wecker früher. Auch mit 52 Jahren stehe ich noch um 05:00 Uhr auf. Ich stehe wirklich auf und warte nicht ein paar Minuten, bis ich die beiden Füsse auf den Boden stelle, mich strecke, meine Laufkleider anziehe, in der Küche einen Espresso und 5dl Wasser trinke, meine Laufmütze tief ins Gesicht ziehe, meiner Frau einen Kuss gebe, die Laufschuhe anziehe und laufen gehe.
Hart ist es manchmal schon, wenn ich am Morgen früh das warme Bett verlasse, während die meisten Menschen weiterschlafen.
Laufen ist für mich bewusstes Leben im Moment. Laufen bietet mir eine Möglichkeit, den gegenwärtigen Augenblick vollständig zu erleben und in Kontakt mit mir selbst zu sein. Durch das Laufen kann ich mich von Sorgen, Ängsten und Zweifeln lösen und im Hier und Jetzt präsent sein.
Beim Laufen gilt es, die Aufmerksamkeit auf jeden einzelnen Schritt oder jeden Atemzug zu lenken. Dieser Ansatz entspricht Konzepten wie der Achtsamkeit oder dem Konzept des "Flow", bei dem man in eine Tätigkeit so vertieft ist, dass man das Gefühl der Zeit verliert und komplett in der Gegenwart aufgeht.
Jeden Tag steht bei mir im Kalender von 05:15-06:15 Uhr „Laufen“.
Das ist mein ganz persönlicher Rhythmus.